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“Ich habe 15.000 Euro Schulden trotz 50-Stunden-Woche”

pia

Während du eingelernt wirst, gibt es kein Gehalt, sagte man ihr beim Bewerbungsgespräch. Später handelte sie 400 Euro heraus. Eine Psychotherapeutin in Ausbildung erzählt

Name: Anonym
Alter: 28
Position:
Psychotherapeutin im letzten Ausbildungsjahr/Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
Branche: Gesundheitswesen
Größe der Ausbildungsstätte: 15-20
Größe der Praxis: 10

Ich bin PiA, Psychotherapeutin in Ausbildung. Man könnte auch sagen: Psychotherapeutin in Ausbeutung. Denn in den drei Jahren bis zur Approbation bin ich vor allem eine unterbezahlte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Ich habe eigene Patienten. Ich diagnostiziere, ob ein Kind eine Bindungsstörung, ADHS oder – jetzt vermehrt wegen geflohener Familien – eine posttraumatische Belastungsstörung hat. Ich bin Ansprechpartnerin für die Eltern, ich dokumentiere die Behandlung. Und ich stelle die Leistungen in Rechnung – doch davon geht nur ein Bruchteil an mich. Von den rund 80 Euro, die die Praxis für jede meiner Therapiestunden kassiert, sehe ich nur 15 Euro. Und das, obwohl ich seit zwei Jahren dort arbeite.

AUSBEUTUNG VON ANFANG AN

 Dabei habe ich noch Glück. Ich habe mich hochgearbeitet. In den ersten zwei Monaten bekam ich von meiner Praxis keinen Cent, obwohl ich vier Tage die Woche arbeitete. An den freien Tagen jobbte ich, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Ohne das Ersparte aus meinem letzten guten bezahlten Nebenjob hätte es nicht gereicht. Reiche Eltern oder Bildungskredit: So sieht das Finanzierungsmodell der meisten PiAs aus. Oft frage ich mich: Wie demokratisch ist der Zugang zu diesem Beruf?

Die Ausbeutung war mir von Anfang an bewusst. Der Praxisinhaber sagte mir bei der Bewerbung: Während du eingelernt wirst, gibt es kein Gehalt. Später kommt es darauf an, ob du meiner Praxis auch etwas einbringst. Nach zwei Monaten hakte ich das erste Mal nach.

Ich betonte, dass ich mittlerweile den Job einer approbierten Psychotherapeutin mache, eigenständig Therapien und Diagnostik durchführe, mich niemand mehr anleiten oder betreuten müsse, abgesehen von einer Stunde Supervision in der Woche. Natürlich versuchte er, mein Gehalt runterzuhandeln. Er müsse auf die wirtschaftlichen Aspekte seiner Praxis achten. Mehr als 400 Euro im Monat könne er wirklich nicht zahlen.

Nach sechs Monaten suchte ich wieder das Gespräch. Wieder mit Erfolg. Ich kletterte auf 700 Euro im Monat. Ich war nun Minijobberin. Als ich nach einem Jahr meine 1.200 Pflichtstunden fertig hatte, wollte mein Chef mich halten. Er bot mir 15 Euro die Stunde. Jetzt verdiene ich bei weniger Stunden fast das Doppelte: 1.200 Euro brutto. Ich kenne viele andere PiAs, die auch sechs oder zwölf Monate lang nicht bezahlt wurden, nur weil sie es nicht eingefordert hatten.

Diese Willkür ist Kalkül. Und nicht nur in den niedergelassenen Praxen. Auch die Kliniken nutzen junge Psychotherapeuten aus. Sie wissen, dass wir auf sie angewiesen sind, dass wir vom gesetzlichen Mindestlohn ausgeklammert sind. Wenn ich jemals eine eigene Praxis eröffnen will, muss ich in einer Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie noch einmal 600 Stunden absolvieren. In Berlin gibt es viele PiAs, und wenige Plätze.

15.000 EURO SCHULDEN TROTZ 50-STUNDEN-WOCHE

Noch absurder ist es, dass ich für diese Situation noch bezahle, und zwar jeden Monat 400 Euro. Wenn ich kommendes Jahr mit der Ausbildung fertig bin, habe ich 15.000 Euro Schulden gemacht, obwohl ich fast durchgängig eine 50-Stunden-Woche hatte. Denn neben der Arbeit als Therapeutin muss ich noch Fortbildungen besuchen. Selbsterfahrung, Krankheitsbilder, Therapiemodelle. Solche Seminare habe ich oft an zwei Abenden die Woche, und alle drei Wochen zusätzlich ein ganzes Wochenende.

Warum ich das alles auf mich nehme? Ich bin wohl eine Überzeugungstäterin. Ich interessiere mich für Menschen und deren Biografie. Eine erfüllte Arbeit ist mir wichtiger als das große Geld. Davon bin ich auch als fertige Therapeutin weit entfernt. Ich starte spät und hole dann kaum etwas rein. Zusammen mit dem Studium dauert meine Ausbildung geschlagene acht Jahre. Und mein Einstiegsgehalt als Kinder- und Jugendlichentherapeutin: 2.800 Euro brutto.