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Kiez statt Kaff

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Mit einem lukrativen Angebot wirbt Berlin um Lehrer aus Österreich. Doch nur wenige wollen weg.

Die Entscheidung, ob sie ihre Heimat verlassen wird, hat Martina Zeitler aus der Hand gegeben. Wenn die ältere ihrer beiden Töchter zustimmt, wird die 29-jährige Lehrerin aus Graz im Herbst eine Stelle in Deutschland antreten. “Sie hat das letzte Wort”, sagt Zeitler. Und ja, schiebt sie nach einer kurzen Pause nach, ihre elfjährige Tochter könne sich das Auswandern vorstellen. “Sie ist weltoffen. Und ich bin noch nie aus der Steiermark rausgekommen, Berlin würde mich jetzt reizen.”

In ihrer Heimat hat Zeitler, die frisch von der Pädagogischen Hochschule kommt, wenig Aussicht auf einen Job. “In Graz sind Lehrerstellen derzeit Mangelware”, sagt sie. Ganz im Gegensatz zur deutschen Hauptstadt: Berlin sucht händeringend nach Lehrkräften – wieder mal. Und neuerdings auch in Österreich.

“Trend statt Tracht”, “Kiez statt Kaff” oder “Berliner Schnauze statt Wiener Schmäh”: Mit solchen Sprüchen will die deutsche Hauptstadt österreichische Lehrer abwerben. Auf einer der Anzeigen, die erstmals im April in österreichischen Tages- und Bezirkszeitungen erschienen sind, ragt der Berliner Fernsehturm über dem Alpenpanorama. “Erweitere deinen Horizont. Und unseren”, steht darunter.

Seit Anfang 2014 hat die Berliner Landesregierung 5.692 Lehrer neu eingestellt. Anfangs überwiegend aus der Hauptstadt selbst, dann vermehrt aus anderen deutschen Bundesländern, aus Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Der Umzug ist finanziell verlockend. Wer in Berlinunterrichtet, erhält zwar nicht den begehrten Beamtenstatus wie in München oder Hamburg, wird dafür aber sofort in Gehaltsstufe 5 eingestuft: eine Art Willkommensgeschenk von zusätzlichen 500 Euro im Monat.

Dennoch fehlen den Berliner Schulen für das nächste Schuljahr 1.400 Lehrer, vor allem an den Grundschulen. Gerade mal 300 Grundschullehrer werden in diesem Jahr mit dem Studium fertig – zu wenig, um den Bedarf zu decken. Dazu kommen rund 800Willkommensklassen für Flüchtlingskinder.

In ihrer Not hat die Berliner Landesregierung nun erstmals in Österreich und Holland für einen Umzug in die Metropole an der Spree geworben. 100.000 Euro hat die Kampagne gekostet. Ihr unmittelbarer Erfolg: Rund 20 Österreicher erschienen kurz darauf bei einer Info-Veranstaltung über Anstellungsmöglichkeiten an Berliner Schulen.

Darunter auch die Grazerin Martina Zeitler. Den Weg in den Norden kennt sie jetzt: anderthalb Stunden mit dem Auto nach Wien. Von dort in den Nachtbus und einmal mitten durch Tschechien. Keine zehn Stunden Fahrt trennen Zeitlers alte von der möglichen neuen Heimat – und rund 2.000 Euro Einstiegsgehalt.

Mehr als 2.000 Lehrer waren in Österreich Ende Mai arbeitslos gemeldet

Noch wohnt Zeitler mit den beiden Kindern bei ihren Eltern in Graz. Ihr Vater sah eine der Anzeigen in einer Zeitung – und einen Tag später stand die Junglehrerin in Berlin. Der Info-Tag für die österreichischen Pädagogen fand im Ludwig-Erhard-Haus im Stadtteil Charlottenburg statt, einem futuristischen Bau aus Glas und Stahl. Berliner nennen es “Gürteltier” wegen seiner gekrümmten Form. Allerdings erfuhr Martina Zeitler dort auch, dass ihr für eine Stelle in Deutschland das Referendariat – ein Vorbereitungsdienst für das Lehramt – und das zweite Staatsexamen fehlen. Denn im Unterschied zu Österreich werden deutsche Grund- und Hauptschullehrer nicht an Pädagogischen Hochschulen, sondern an Universitäten ausgebildet. Wer sich nach demersten Staatsexamen für den Schuldienst entscheidet, muss als Referendar zusätzlich zwei Jahre lang an verschiedenen Schulen didaktische Methoden üben und im Anschluss eine Prüfung ablegen.

Um die Österreicher dennoch abzuwerben, lockt Berlin mit einer komfortablen Lösung: Beide fehlenden Voraussetzungen könnte Martina Zeitler nachholen. Dafür würde die Grazerin mit weniger Unterrichtsstunden beginnen, um Zeit für Seminare und Prüfungsvorbereitungen zu haben, und trotzdem ein volles Gehalt beziehen: 4.450 Euro an der Grundschule und sogar 5.113 Euro an einer Sonderschule – fast doppelt so viel wie in Graz oder Wien.

In Österreich sieht es derzeit nicht so rosig aus. Ende Mai waren über 2000 Lehrer arbeitslos gemeldet, rechnet man Hochschullehrer und Erzieher hinzu, sind sogar 5.700 Pädagogen ohne Job. Wegen der Hacklerregelung, die Beamte nach 40 Jahren im Dienst für sich beanspruchen können, sind vor zwei Jahren viele Lehrer frühzeitig in Pension gegangen. Die Stellen wurden sofort nachbesetzt. Deshalb ist etwa in der Steiermark der Bedarf an Lehrkräften im Moment gering. Erst für das Schuljahr 2018/19, wenn die nächste umfangreiche Pensionierungswelle ansteht, werden wieder mehr Lehrer benötigt. Und bis dahin?

“Die jungen Leute müssten sich nur entscheiden, mobil zu sein”, sagt Susanne Herker, Leiterin des Instituts für innovative Pädagogik und Inklusion an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule in Graz. “Genügend zahlenmäßigen Überschuss hätten wir zurzeit auf jeden Fall.” Die Erziehungswissenschaftlerin ist überzeugt: Im Ausland Berufserfahrung sammeln sei allemal besser, als zu Hause auf einer Warteliste zu versauern.

Die Stehzeit im Ausland zu überbrücken, das begrüßt auch Paul Kimberger. Der Pflichtschullehrervertreter der Gewerkschaft fände es jedoch falsch, wenn auch dringend benötigte Lehrkräfte abgeworben würden. “Wenn massenhaft Lehrer abwandern und dann bei uns fehlen, müssen wir uns etwas einfallen lassen.” Das sagt Kimberger nicht nur mit Blick auf den aktuellen Lehrerbedarf in Wien oder Salzburg. Im ganzen Land würde in den kommenden zehn bis zwölf Jahren die Hälfte aller angestellten Lehrer in Pension gehen. 60.000 Beamte müssten dann auf einmal ersetzt werden, rechnet Kimberger vor. Das klappe aber nur, wenn nicht allzu viele Lehrkräfte wegen des höheren Gehalts in die Schweiz, nach Bayern – oder eben nach Berlin gingen. “Mit so einem unglaublichen Angebot können wir nicht mithalten.”

Die österreichische Mentalität spricht gegen den Umzug ins Ausland

Doch offenbar zieht es gar nicht so viele weg, wie Kimberger befürchtet. Zu den rund 12.000 Österreichern, die derzeit in der deutschen Hauptstadt wohnen, dürften dieses Jahr nicht viele neu hinzukommen. Zumindest nicht viele Lehrer.

Die Erziehungswissenschaftlerin Susanne Herker wundert sich darüber nicht: “Viele Junglehrer sind vorsichtig.” Herker beobachtet seit Jahren, dass sich ihre Absolventen kaum etwas trauen. Weil Partnerschaften sie binden. Weil sie zielorientiert an ihrem Lebenslauf basteln. Die vorherrschende Stimmung: “Sie haben es so schon schwer, die 40 Dienstjahre zusammenzubekommen.”

Die zögerliche Natur ihrer Landsleute hat Gabriele Pointner nie verstanden. “Ich kann es persönlich absolut nicht begreifen, wie man in Österreich bleiben will, wenn die Welt offensteht”, sagt die in Linz aufgewachsene Lehrerin. Seit 27 Jahren ist sie schon im Schuldienst – und 23 Jahre davon im Ausland.

Seit zwei Jahren unterrichtet Pointner an der Berlin Metropolitan School, keinen Kilometer Luftlinie von der Museumsinsel und dem Berliner Dom gelegen. Einheimische zieht es ebenso wie Touristen in die Gegend zwischen dem Alten Museum, dem Spree-Ufer und den hippen Ateliers in den Innenhöfen am Hackeschen Markt. So attraktiv und durchmischt wie die Gegend ist auch Pointners staatliche Ersatzschule. Der Unterricht ist zweisprachig, der Schulabschluss dem Abitur, der deutschen Matura, gleichgestellt. Pointner ist wegen dieser Schule nach Berlin gezogen: “Das Internationale hat mich sehr angesprochen.”

Die 21 Jahre davor lebte die Oberösterreicherin in Kairo, ihre beiden Söhne wuchsen dreisprachig auf: Deutsch, Englisch, Arabisch. Dann stand für Pointner ein Ortswechsel an. Jetzt wohnt sie im schick-entspannten Stadtteil Prenzlauer Berg, der an Wien oder Budapest erinnert und wenig mit dem Berlin-Klischee von Problemschulen und Parallelgesellschaften gemein hat, das auch im Ausland bekannt ist. Von ihrer neuen Heimat ist Pointner begeistert. “Obwohl ich Wien liebe, würde ich Berlin mit keiner Stadt in Österreich eintauschen.”

Aber von den rund 1.800 ausgebildeten Lehrern, die sich bis Juni um eine Stelle an einer Berliner Schule beworben haben, kommen nur 50 aus Österreich. Gibt es hier also doch genügend Jobs? Das Bildungsministerium in Wien geht davon aus, dass in den kommenden Jahren rund 11 300 Lehrer eingestellt werden.

Gabriele Pointner liest in der geringen Zahl an Bewerbern jedoch auch eine österreichische Mentalität: Sicherheitsdenken. Dabei wäre Berlin, so ist Pointner überzeugt, für Österreicher “eigentlich die beste Stadt, um mit der Weltoffenheit anzufangen. Die Menschen sprechen Deutsch, die Stadt bietet alles.”

Der Berliner Senat kann nur hoffen, dass sich das in Österreich rumspricht – oder er muss seine Hoffnungen auf einen neuen Markt richten. Denn im kommenden Jahr sucht die deutsche Hauptstadt wieder 2250 neue Lehrer.