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Lehrer zweiter Klasse

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Ende Januar hat das Goethe-Ins tut 400 Honorarlehrkräfte vor die Tür gesetzt. Damit ist nicht nur deren Existenz gefährdet, sondern ebenso das Kursangebot der zwölf Inlandsinstitute.

Am Goethe-Institut Freiburg sprechen die Honorarlehrkräfte nur noch vom „schwarzen Mittwoch“. Ende Januar leitete ihnen die Institutsleiterin eine interne E-Mail vom Vorstand aus München weiter, die sie mehr oder weniger über Nacht vor die Tür setzte. Der Grund für die Anweisung: Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) bezweifelt, dass die Honorarkräfte beim Goethe-Institut tatsächlich freie Mitarbeiter sind. Stellt die DRV nun Scheinselbstständigkeit fest, drohen dem weltweit agierenden Kulturinstitut gewaltige Nachzahlungen für die nicht gezahlten Sozialversicherungsbeiträge. Deshalb, begründet der Vorstand in seiner E-Mail, müsse er „bis zur abschließenden Klärung davon absehen, weitere Honorarverträge für Lehrkräfte an den Goethe-Instituten in Deutschland abzuschließen.“

Für die zehn freien Lehrkräfte in Freiburg heißt das: Für die Sprachkurse, die nur eine Woche später starteten, wurden sie nicht mehr verpflichtet. Selbst für die Prüfungen der laufenden Kurse durften sie nicht mehr erscheinen. „Wir stehen total neben der Rolle“, sagt Hannah Schumann. Die Germanistin arbeitet seit rund zwölf Jahren für verschiedene Goethe-Institute. Früher gab sie auch an der Universität Sprachkurse. Doch seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 schoss die Nachfrage für Deutschkurse beim Goethe-Institut in die Höhe, Schumann sollte immer mehr Kurse und Prüfungen übernehmen. Ihr zweites Standbein gab sie auf. Nun brechen ihre kompletten Einnahmen weg. „Ich bin 57“, sagt Schumann. „Da wartet der Arbeitsmarkt nicht gerade auf mich.“

Die Ungewissheit trifft nicht nur Schumann und ihre Freiburger KollegInnen. An den zwölf Inlandsinstituten arbeiteten insgesamt rund 400 Honorarlehrkräfte. Deren Verträge gelten jeweils nur für die Dauer der Kurse, die sie geben. Also zwei, vier oder acht Wochen. „Am Goethe-Institut sind viele Arbeitsplätze in Gefahr“, warnt GEW-Vorstand Andreas Gehrke, der die Tarifverhandlungen mit dem Goethe-Institut führt. Für die rund 160 Festangestellten hat die Gewerkschaft eine Einigung erzielt. Gespräche über die Situation der Honorarkräfte lehnt der Vorstand des Goethe-Instituts jedoch seit Jahren ab. Das Argument: Wegen der schwankenden Einkünfte der Inlandsinstitute müsse das Goethe-Institut seine „Flexibilität“ bewahren. Außerdem zahle das Goethe-Institut deutlich mehr als die Konkurrenz. Zuletzt betrug das Stundenhonorar 35 bzw. 37 Euro. Für Gehrke ist das kein Argument: „Das Honorarunwesen ist Teil des Geschäftsmodells beim Goethe-Institut.“ Leider sei es in der Erwachsenen- und Weiterbildung mittlerweile üblich, über Honorarverträge Personalkosten zu reduzieren.

Das bestätigt auch Schumann. Wenn sie Vollzeit für das Goethe-Institut unterrichtet, kommt sie bei etwa 1.300 Euro monatlich raus. „Wir machen die selbe Arbeit wie die Festangestellten und werden wie Lehrer zweiter Klasse behandelt“, findet sie. Sozialabgaben, Urlaubsanspruch, Lohnfortzahlung? „Gibt es für uns nicht“. Seit Jahren beteiligt sich Schumann deshalb an von der GEW mitgetragenen Protesten. Einmal verkleideten sich Honorarkräfte vor dem Berliner Goethe-Institut als Kranke und Schwangere. Ein anderes Mal störten eine Handvoll Honorarkräfte die jährliche Mitgliederversammlung in München. Generalsekretär Johannes Ebert soll das kurze Gespräch mit den Worten beendet haben, die Gäste dürften gerne die Reste des Büffets aufessen.

Zum aktuellen Einstellungsstopp äußerte sich Vorstandsmitglied Ebert folgendermaßen: „Wenn die aktuelle Aussetzung von Vertragsabschlüssen zu sozialen Härten bei Honorarlehrkräften führt, bedauern wir dies sehr.“ Das Goethe-Institut wertschätze die Arbeit der freien Lehrkräfte sehr. 

Für viele Betroffene klingt das wie Hohn. Spricht man mit Honorarkräften in Berlin, Hamburg oder Mannheim, kommen immer wieder zwei Beschwerden zur Sprache: Mangelnde Wertschätzung – und fahrlässige Personalpolitik. So habe die Zahl der freien MitarbeiterInnen in den vergangenen zehn Jahren stetig zugenommen, während es keine weiteren Festanstellungen im Sprachbereich gegeben habe. Längst hat sich der mit der GEW in den 1990ern vereinbarte Schlüssel „60% Feste, 40% Freie“ umgekehrt. Zuletzt gaben die Honorarlehrkräfte 80 Prozent der Kurse, schätzt die GEW. Und das hat nun dramatische Folgen für das Kursangebot.

Noch im Januar stornierten die Inlandsinstitute zahlreiche Kurse. Rund ein Drittel der 6.000 Kurse in diesem Jahr, räumt das Goethe-Institut ein, können nicht sichergestellt werden. Und das gefährdet das Geschäftsmodell der Inlandsinstitute. Die müssen sich – im Gegensatz zu den vom Auswärtigen Amt unterstützen Auslandsinstituten – über Eigeneinnahmen finanzieren. Im vergangenen Jahr verdienten sie an Kurs- und Prüfungsgebühren 45,2 Millionen Euro. Für Personal und Verwaltung gab die Zentrale aber gerade mal 17,3 Millionen Euro aus. Was an Gewinnen übrig bleibt, gibt das Goethe-Institut an anderer Stelle aus.

Etwa für neue Software, ärgern sich die Honorarkräfte. Für das satte Plus in den Institutskassen hätten aber nicht zuletzt die Honorarlehrkräfte gesorgt, klagen sie. Eine Berliner Honorarkraft

schimpft: „Dass und das renommierte Goethe-Institut jetzt in die Altersarmut entlässt, ohne mit der Wimper zu zucken, ist eine Frechheit“. Ein Hamburger Kollege ist erschüttert, dass der Vorstand für sie „keinerlei Verantwortung“ übernehme. Einige haben Ihren Unmut in einem Brief niedergeschrieben und an den Vorstand geschickt. Mitte Februar gingen in Düsseldorf, Frankfurt und Bremen Festangestellte zusammen mit den Honorarkräften gegen die Entlassungen auf die Straße.

Was viele besonders ärgert: Ihr Arbeitgeber, so glauben sie, weiß schon lange von dem Problem. Nach einem GEW-Schreiben hat die Deutsche Rentenversicherung schon 2014 damit begonnen, Honorarverträge zu überprüfen. Das Goethe-Institut erwidert auf Nachfrage, die DRV habe den Vorstand darüber erst im Januar informiert.

Noch hoffen viele MitarbeiterInnen auf eine Festanstellung. Auch Hannah Schumann, die aus diesem Grund ihren richtigen Namen nicht nennen will. Bisher hat das Goethe-Institut 45 Personen befristet angestellt. Zu wenig, um die anvisierten zwei Drittel des Kursbetriebs aufrechterhalten, warnt die GEW. „Wir müssen uns jetzt mit dem Goethe-Vorstand schnell auf Maßnahmen verständigen, mit denen die Arbeitsplätze aller Beschäftigten gesichert werden“, sagt Andreas Gehrke. „Die Rechnung Honorarlehrkräfte gleich Sparmodell ist nicht akzeptabel.“

Mittlerweile hat der Vorstand des Goethe-Institut das Gesprächsangebot der GEW angenommen. Für 9. März ist ein Treffen vereinbart.