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Märtyrer der Gerechtigkeit

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Wurde Óscar Romero aus Hass gegen den Glauben oder aus politischen Gründen getötet? Diese Frage war für das Seligsprechungsverfahren wichtig

Im Auftrag des Papstes wird Kardinal Angelo Amato, der Präfekt der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse, am kommenden Samstag Óscar Arnulfo Romero in San Salvador seligsprechen – 35 Jahre nach Romeros Ermordung durch einen Scharfschützen. “San Romero de América” darf künftig in seiner Heimatdiözese öffentlich verehrt und als Fürsprecher bei Gott angerufen werden. Sollte er eines Tages heiliggesprochen werden, gilt die Verehrung universell.

Für viele Salvadorianer, die wie Romero Opfer des Staatsterrors wurden, ist das eine politische Geste: Denn für den Mord an Romero, der einen Bürgerkrieg mit 75.000 Toten auslöste, ist bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen worden. Die Seligsprechung Romeros ist aber auch ein Beispiel dafür, wie maßgeblich der Einfluss des jeweiligen Papstes auf die Auswahl der Seligen und Heiligen ist.

Im Jahr 1234 erklärte Gregor IX. die Kanonisierung eines Heiligen zur Papstsache. Da aber Bischöfe weiter Menschen zu Heiligen ernannten, unterschied der Heilige Stuhl fortan zwischen Seligen (Beatus), die nur regional verehrt werden durften, und Heiligen (Sanctus). Für beide Verfahren hat sich ein umfassendes Regelwerk herausgebildet, über das sich der Papst aber bisweilen hinwegsetzt. So konnten Mutter Teresa oder Johannes Paul II. in Rekordzeit heiliggesprochen werden, weil Johannes Paul II. und Benedikt XVI. das Kirchenrecht ignorierten, das einen Seligsprechungsprozess frühestens fünf Jahre nach dem Tod erlaubt. Für Romero hingegen zeigten dieselben Päpste weniger Eifer.

Als der salvadorianische Weihbischof Gregorio Rosa Chávez 1990 das Seligsprechungsverfahren für Romero einleitet, glauben viele an ein schnelles und erfolgreiches Ende. Im damals geltenden Regelwerk “Divinus perfectionis Magister” wurden die Kriterien für die Seligsprechung angeführt: vorbildliche christliche Lebensführung, die Verehrung im Volk, die Nachfolge Jesu in den Märtyrertod. Wer nicht als Märtyrer gestorben ist, muss ein Wunder vollbracht und zu Lebzeiten den Ruf eines Heiligen erlangt haben. Vier Jahre benötigt die Diözese San Salvador, um Beweise für Romeros Tugend und Martyrium zu sammeln. 1997 eröffnet der Vatikan formell das Verfahren. Damit erhält Romero die Anrede “Diener Gottes”. Ein Fürsprecher oder Postulator, der Kardinal Vincenzo Paglia, sammelt weitere Beweise, verfasst eine Biografie, vernimmt Zeugen. Seine Ergebnisse legt er der Kongregation der Selig- und Heiligsprechungsprozesse vor, die, beraten von Theologen und Historikern, den Antrag prüft. Doch dann passiert bis zum Amtsantritt von Papst Franziskus im Jahr 2013 nichts.

Abgesehen von den politischen Widerständen gegen eine Seligsprechung Romeros gibt es ein theologisches Problem: Märtyrer sind gemäß Definition Menschen, die wegen ihres Glaubens getötet wurden. Romero wurde vermutlich aber von gläubigen Katholiken ermordet. Lange waren sich die Theologen und Historiker der Kongregation daher uneins, ob Romero aus “Odium fidei – Hass gegen den Glauben” – oder vielmehr aus politischen Gründen getötet worden war.

2007 erklärte Papst Benedikt mit Blick auf die gespaltene Gesellschaft in El Salvador, dass eine Verehrung Romeros instrumentalisiert werden könnte. Diese Sorge hatte er woanders nicht. Wie zuvor Johannes Paul II. sprach Benedikt Hunderte Märtyrer selig, die im Spanischen Bürgerkrieg von den Republikanern ermordet worden waren, 2007 sogar 498 auf einmal, es war die bis dahin größte Massenseligsprechung. Die katholische Kirche in Spanien sah im Kampf Francos gegen die “Antichristen” einen “Kreuzzug”. Doch wie in El Salvador sitzen sich auch in Spanien die ehemaligen Konfliktparteien seither im Parlament gegenüber.

Papst Franziskus ließ sich von dieser Unstimmigkeit nicht entmutigen. Er schlug eine neue theologische Begründung vor, um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Im Sommer 2014 erklärte er Journalisten auf dem Rückflug von Südkorea (wo er 124 koreanische Märtyrer seliggesprochen hat), dass er das Konzept des Martyriums erweitern wolle: “Die Theologen sollen klären, ob man auch dann vom Hass gegen den Glauben sprechen kann, wenn man sich der Nächstenliebe widmet, wie sie Jesus von uns verlangt.” Nach dieser Lesart sind auch jene Christen Märtyrer, die getötet werden, weil sie sich für Gerechtigkeit eingesetzt haben.

Im Februar 2015 kommt die Theologenkommission der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse einstimmig zu dem Schluss, dass Romeros Tod ein Martyrium sei. Papst Franziskus verkündet daraufhin, was viele Menschen in El Salvador seit 35 Jahren glauben: Der Erzbischof von El Salvador ist ein Märtyrer, der für seinen Glauben gestorben ist. Nach der Feier in San Salvador werden seine Anhänger wohl damit anfangen, nach einer Wundertat Romeros zu suchen. Sie wird benötigt, um Romero heiligsprechen zu können. Die Kriterien für die Seligsprechung sind vorbildliche christliche Lebensführung, die Verehrung im Volk und die Nachfolge Jesu in den Märtyrertod.

Der Text erschien in der taz.am wochenende in der Rubrik Sachkunde.