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Pekings verlockende Kredite

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China pumpt viel Geld nach Lateinamerika und baut die politischen Verbindungen aus. Die Regierungen dort greifen gerne zu – aus ganz pragmatischen Gründen.

Zwei Jahre nach dem verheerenden Zugunglück in Buenos Aires löste die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner ihr Versprechen ein, das marode Eisenbahnsystem zu erneuern. Am Mittwoch weiht sie in einem Staatsakt 24 neue Loks und 160 Waggons ein, die auf einer Vorort-Bahnlinie jeden Monat drei Millionen Pendler in die Metropole befördern.

Am selben Tag empfängt Kirchner den chinesischen Außenminister Wang Yi, der auf einer neuntägigen Lateinamerikareise auch in Buenos Aires Station macht. Dass die beiden Termine zusammenfallen, ist kein Zufall. China hat all die neuen Loks und Waggons bezahlt. Sie sind Teil einer Großinvestition Chinas in das argentinische Eisenbahnsystem: Züge und Bahnsteige im Großraum Buenos Aires, zwei neue Strecken im Süden des Landes. Die Modernisierung des Eisenbahnnetzes ist das Steckenpferd der Regierung. Der für Transport zuständige Minister Florencio Randazzo möchte 2015 zum Präsidenten gewählt werden. Sollte ihm das gelingen, hätte er es auch den chinesischen Krediten zu verdanken.

80 Milliarden US-Dollar hat China im vergangenen Jahr für Infrastruktur-Projekte in Lateinamerika gegeben, 13 Prozent des Geldes, das das Land weltweit verteilt. Das ist mehr als die Weltbank und die Interamerikanische Entwicklungsbank zusammen an die Region verliehen haben. Das Lukrative an der Kooperation mit China ist, dass es, wie im Falle der Eisenbahntechnologie an Argentinien, den Kauf seiner Güter gleich mitfinanziert, den südamerikanischen Staat dafür das Geld leiht. Das macht den Handel mit Peking attraktiv, besonders für verschuldete Regierungen wie Argentinien, die sich dafür sonst auf den internationalen Kreditmärkten Geld besorgen müssten, wo für sie hohe Zinsen fällig werden.

China stillt Rohstoffhunger

Das ist einer der Gründe, warum China heute eine Wirtschaftsmacht in Lateinamerika ist. Zwischen 2002 und 2012 verdoppelte sich das Handelsvolumen auf 261 Milliarden US-Dollar. Für China ist Lateinamerika ein lukrativer Absatzmarkt, obwohl manche Länder wie Argentinien oder Brasilien zum Schutz ihrer heimischen Industrie Exportzölle erheben.

Vor allem aber decken die lateinamerikanischen Länder den Rohstoffhunger Chinas: Peking ist der größte Abnehmer von Exportgütern aus Brasilien, Venezuela, Chile und Peru, sowie der zweitgrößte Käufer argentinischer Agrarexporte.

Die Reise des Chefdiplomaten Wang umfasst neben dem Treffen mit der argentinischen Präsidentin auch Besuche in Kuba, Venezuela und Brasilien. Mit Letzteren beiden unterhält Peking bereits strategische Partnerschaften. Formell wird Wangs Stippvisite als Vorbereitung für die Lateinamerika-Reise des Staatspräsidenten Xi Jingpin nach Kuba und Brasilien kommenden Juli betrachtet. Genauso gut kann man es als Reaktion auf die Asienreise des US-Präsidenten Obama werten. Das Signal an Washington: Wenn ihr in unserer unmittelbaren Nachbarschaft eure Partnerschaften pflegt, dann tun wir das umgekehrt genauso.

Diese Haltung hat China erst vor wenigen Wochen unterstrichen, als es die politische Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (Celac) bekannt gab. Das Regionalbündnis aus 33 Staaten, zu dem die USA nicht gehören, hatte China im Januar zur stärkeren Kooperation eingeladen. Man einigte sich auf einen regelmäßigen Austausch auf Ministerebene.

Wangs Lateinamerika-Reise ist mit Blick auf China also vor allem ein Zeichen für die offensive Außenpolitik, die das Land mittlerweile betreibt. Für die argentinische Regierung wiederum hat die Kooperation mit Peking einen ganz konkreten, innenpolitischen Nutzen. Gerade hat die Opposition ihr Bündnis Frente Amplio Unen vorgestellt, mit dem sie den seit Jahren regierenden sogenannten Kirchnerismus in den kommenden Präsidentschaftswahlen erstmals seit 2003 ernsthaft herausfordern will. Nun kann sich die Regierung dank der chinesischen Hilfe auf die Fahnen schreiben, das lang defizitäre Eisenbahnnetz modernisiert zu haben. Ein echter Wahlkampf-Trumpf im krisengebeutelten Argentinien.

Eine der beiden neuen Streckentrassen baut China in der Provinz Santa Cruz, aus der Ex-Präsident Néstor Kirchner stammt. Auf Kirchner beruft sich auch die heutige Regierung immer wieder. Die Strecke soll nun nach ihm benannt werden und so auch den Ruhm seiner Nachfolger mehren – gleichgültig, wer eines Tages die Kredite an China zurückzahlen wird.