Textbeitrag

Spione kommen hier nicht rein

Bildschirmfoto 2014-11-04 um 13.44.07

Werbedienste sammeln heimlich Daten über unser Surfverhalten. Dagegen gibt es kleine Schutzprogramme. Noch einfacher zu installieren ist die Liste des Fraunhofer-Instituts. Es kappt die Verbindung zu den Schnüffel-Websites und aktualisiert sich selbständig.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen auf die Website einer großen deutschen Tages- zeitung, und 70 Unbekannte lesen mit. Späher, die wissen wollen, für welche Themen Sie sich interessieren, wann und wie oft Sie auf der Seite sind. Und die Ihre Vorlieben mit Ihrem Kaufverhalten bei Amazon oder Ihren Wissenslücken auf Gutefrage.net abgleichen. Je umfangreicher das Surferprofil, desto kostbarer die Daten für die Werbeindustrie. Deshalb platzieren sogenannte Trackerfirmen ihre Spione auf so vielen Internetseiten wie möglich.

Der dreisteste Schnüffler ist der Onlinemarketingdienst DoubleClick, der seit 2008 Google gehört. DoubleClick sammelt auf 260 der deutschen Top 500 Internetseiten Daten. Das verrät ein Eingeweihter, der nicht genannt werden möchte.

“Der dreisteste Schnüffler ist der On­line­mar­keting-Dienst DoubleClick. Er sammelt Daten auf 260 deutschen Internetseiten”

Viele Daten fließen über die auf Websites eingebundenen Werbeflächen ab. Gegen dieses Third-Party-Tracking kann man sich wehren. Das gängige Ein- fallstor, die Cookies, kann man in den Browsereinstellungen deak- tivieren. Auch die Hintertür Javascript kann man im Browser selbst oder mithilfe von speziellen Plugins wie NoScript deaktivieren, um das Auslesen von Benutzerdaten zu unterbinden. Al- lerdings muss der Nutzer auf viel Komfort verzichten, wenn er Cookies und Javascript nicht über den Weg traut (siehe Kasten).

Doch welche und wie viele Da- ten sind beim Surfen vom PC oder Smartphone tatsächlich für andere sichtbar? Darauf gaben Anne Roth und Hadi al Khatib auf die Bloggerkonferenz re:pu- blica Antwort. Die beiden Online-Aktivisten vom Tactical Technology Collective, einer internationalen Menschenrechtsorganisation mit Büro in Berlin, klären über die Gefahren von Datenspuren im Netz auf. Soeben zeichnete die Deutsche Welle deren Onlineprojekt „Me & My Shadow“ als innovativste Aktivisten Webseite mit dem internationalen Bobs-Award aus.

Auf der Seite können sich Nut zer anzeigen lassen, welche Daten Betriebssysteme, Online- dienste und Mobiltelefone preisgeben. Zudem werden Program- me wie Collusion oder Image Metadata Stripper vorgestellt, mit denen Nutzer ihre Datenspuren sichtbar machen beziehungsweise verringern können. Manche Anwendungen wie der iPhone Tracker kann sogar Spähaktivitäten enttarnen.

Dr. Markus Schneider, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT), bezweifelt die Umsetzbarkeit solcher „mechanismusbasierten“ Schutzmaßnahmen für den normalen Surfer. Für die meis- ten Nutzer, die nicht Informatik studierten und sich regelmäßig über neue Trackingmethoden ins Bild setzten, sei dies gar nicht praktikabel, sagte Schneider der taz.

Sein Institut hat deshalb einen „eigenschaftsorientierten“ Ansatz gewählt: Anstatt einzelne Zugriffsmethoden wie Cookies oder Flashcookies zu blockieren, hat das Fraunhofer-Institut die Tracker selbst ins Visier genommen. Dazu entwickelten die Forscher des SIT einen Webcrawler: ein Programm, das die wichtigsten deutschen Internetseiten nach Trackingmethoden durchforstet. Damit konnten die Tracker selbst ermittelt – und deren Domains erfasst werden.

Die sogenannte Tracking Protection List (TPL), die seit Novem- ber frei zur Verfügung steht, kann man auf der Institutsseite herunterladen. Einmal installiert, unterbindet die Liste jegli- chenDatentransferzumehreren hundert Trackern. Und jede Woche kommen mehr hinzu. Der Vorteil der Liste gegenüber den oben erwähnten Programmen ist, dass der Nutzer sich um nichts mehr kümmern muss. Der Browser lädt alle drei Tage die aktuelle Liste nach.

Der einzige Haken an der Sache: Nur der Browser Internet Explorer setzt den Mechanismus um. Mozilla Firefox oder Google Chrome wollen die Technologie nicht umsetzen, weil sie selbst mit der Schaltung personalisierter Werbung Geld verdienen. Unter den Top-50-Trackern gehören 17 zum Google-Imperium. Sie sichern Googles Marktanteil von 44 Prozent bei Werbeeinnahmen im Netz.