Textbeitrag

„Die Polizei will nicht alle
Brasilianer schützen“

Mehr als 2000 Opfer im Jahr: Die Tötungsrate der brasilianischen Polizei gehört zu den höchsten der Welt. Vor der Fußball-WM im eigenen Land steigt der Druck auf die Polizeikräfte, sichere Spiele zu garantieren, sagt die US-amerikanische Aktivistin Elizabeth Martin im Interview. Ein schnelles Ende der Polizeigewalt könne sie sich ohne grundlegenden Mentalitätswechsel nicht vorstellen.

Ralf Pauli: Frau Martin, vor sieben Jahren wurde ihr Neffe Joseph von einem Polizisten in Rio de Janeiro erschossen, als er sich für einen bedrängten Jugendlichen stark machte. Ist es denkbar, dass Fans oder Spielern während der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft etwas Ähnliches zustößt?

Elizabeth Martin: Ich glaube, während der WM wird sich die brasilianische Polizei von ihrer besten Seite zeigen. Mich beunruhigt mehr, was im Vorfeld des Turniers passieren wird. Auf den Polizeikräften lastet derzeit ein gewaltiger Druck, die Austragungsorte von kriminellen Drogenbanden zu „säubern“ und sichere Spielstätten zu gewährleisten. Ich fürchte, dass dabei noch viele unbeteiligte Zivilisten durch Polizeikugeln sterben werden. Die Zahlen belegen jedenfalls, dass die Polizei immer gewaltbereiter wird.

Brasilianische Polizeibeamte erschießen im Schnitt fünf Menschen am Tag. Woher rührt die hohe Gewaltbereitschaft gegen die eigene Bevölkerung?

In Brasilien sind Polizisten keine zivilen Beamten, sondern Angehörige einer Militärpolizei, also für den Krieg ausgebildete Soldaten. Ein Polizeikommissar in Rio hat einmal gesagt, die Polizei sei „das beste Insektizid der Gesellschaft“. Trotz dieser Aussage wurde er befördert. Dass so eine Aussage die Karriere eines Polizeikommissars nicht gefährdet, sagt viel über das Verhältnis zwischen Polizei und Bürgerschaft im Land. Die Polizei ist kein Teil von ihr, sondern steht ihr unversöhnlich gegenüber.

Wie stehen verantwortliche Politiker zu solchen Aussagen?

Leider nicht viel besser. Nehmen Sie den Sekretär für Öffentliche Sicherheit von Rio de Janeiro, José Beltrame. Als Betrame gefragt wurde, wie viele Unschuldige der Polizeigewalt bei Einsätzen in den Slums zum Opfer fielen, antwortete er: „Wer sich ein Omelette machen will, muss auch Eier zerbrechen“. Diese beiden Aussagen verraten, dass die Polizei in Brasilien offensichtlich nicht alle Schichten der Gesellschaft schützen will. Zumindest wenn man berücksichtigt, dass die meisten Opfer der Polizeigewalt der Unterschicht angehören.

Die Elendsviertel in Rio de Janeiro bereiten dem WM-Gastgeber besondere Sorge. Die Polizei von Rio hat schon über 30 der so genannten Favelas gestürmt und besetzt, um die Stadt sicher vor schwer bewaffneten Drogenbanden zu machen. Die Gewalt von beiden Seiten hält aber an. Sehen Sie eine Lösung?

Die Situation in den Favelas ist sehr kompliziert. Die Probleme lassen sich nicht einfach dadurch lösen, dass man die Viertel stürmt und Polizeikräfte stationiert. Die Favelas existieren seit Generationen und ihre komplexe Sozialstruktur ändert sich nicht von heute auf morgen. Statt Aktionismus zu betreiben sollten sich die Verantwortlichen eingestehen, dass es keine schnelle Lösung für die Kriminalität in den Favelas gibt.

Das heißt, auch in den von der Polizei kontrollierten Armenvierteln sollten sich Ausländer besser nicht aufhalten?

Generell sollte man sich in jeder unbekannten Großstadt vorsichtig bewegen. In Brasilien gilt das doppelt, wegen der Gefahr, die von der brasilianischen Polizei selbst ausgeht. Touristen oder WM-Besucher müssen sich im Klaren sein, dass brasilianische Polizisten kriminell, korrupt und gewaltbereit sein können. Nach einer aktuellen Umfrage der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, für die 21.000 Menschen in 21 Ländern befragt wurden, haben vier von fünf Brasilianern Angst, von der Polizei gefoltert zu werden. So hoch ist die Quote in keinem anderen Land.

Die Vereinten Nationen und verschiedene Menschenrechtsorganisationen fordern die brasilianische Regierung seit Jahren auf, die Militärpolizei aufzulösen. Welche Schritte sind noch notwendig, um die Polizeigewalt in Brasilien einzudämmen?

Ich bin kein Polizeiexperte, aber ich glaube, dass die Demilitarisierung der Polizei allein wenig bewirkt. Das Selbstverständnis der Polizei muss sich wandeln. Nicht nur in der Frage, wie Polizisten ihren Beruf verstehen und ausüben, sondern auch beispielsweise in der Frage, wie die Polizei mit korrupten Beamten umgeht.

In Ihrer Petition fordern Sie die FIFA und das Olympische Komitee auf, die hohen Tötungsraten der brasilianischen Polizei gegenüber dem Ausrichtungsland zur Sprache zu bringen. Wie viel Einfluss, glauben Sie, haben internationale Sportverbände auf brasilianische Behörden?

Die FIFA und das IOC können Brasilien natürlich zu nichts zwingen, aber ich erwarte eine kritische Haltung von den Sportverbänden. In anderen Bereichen wie der Infrastruktur formuliert die FIFA ja auch klare Forderungen an das Gastgeberland. Es darf für den WM-Zuschauer nicht der Eindruck entstehen, dass staatlich tolerierte Polizeigewalt zur Vorbereitung einer Fußballweltmeisterschaft gehört. Das aber genau geschieht derzeit in Brasilien.

Angenommen, Sie finden bei FIFA und IOC Gehör mit Ihrem Anliegen: Fürchten Sie nicht, dass die Polizeigewalt in Brasilien nach dem medialen Großereignis schnell wieder vergessen sein wird?

Natürlich bieten die WM und die Olympischen Spiele eine großartige Gelegenheit für Spieler und Athleten, Fans und Zuschauer aus aller Welt zu sagen: Wir wollen kein Blutvergießen für dieses Turnier. In erster Linie ist aber die brasilianische Regierung dafür verantwortlich, die extrem hohe Polizeigewalt in den Griff zu bekommen. Es gibt viele zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich seit Jahren für eine Polizeireform einsetzen. Es ist wichtig, dass die Regierung diese Organisationen finanziell und politisch unterstützt. Ich für meinen Teil werde auch nach den Spielen weiter dafür kämpfen, dass die hohe Polizeigewalt Teil der Debatte über Brasilien bleibt.

Wie reagieren die Menschen in Brasilien auf Ihr Engagement?

Als ich vor vier Jahren in Rio de Janeiro an einem Marsch gegen Polizeigewalt teilnahm, wurde ich herzlich aufgenommen. Viele der Anwesenden haben wie ich einen nahen Menschen verloren. Dieses geteilte Leid hat uns miteinander verbunden. Ich war sehr gerührt, als eine Frau auf ein Transparent schrieb, dass sogar US-amerikanische Männer von der brasilianischen Polizei umgebracht würden. Ich hab mich sehr demütig gefühlt, weil viele Brasilianer schon seit Jahrzehnten für ein Ende der Polizeigewalt kämpfen.

Und in Ihrem Heimatland USA?

In den USA gibt es kaum Informationen über die Tötungsrate der brasilianischen Polizei. Brasilien ist in den Köpfen der Menschen als Urlaubsparadies gespeichert, mit Traumstränden, Tanz und Partys. In diesem Bild hat überbordende Polizeigewalt keinen Platz. Das macht meine Arbeit zur Herausforderung. Viele Leute glauben den Zahlen schlicht nicht. Dazu kommt ein großes Missverständnis, was die Opfer brasilianischer Polizeigewalt angeht. Die meisten US-Amerikaner glauben, ein von der Polizei getöteter Mensch wäre automatisch ein Krimineller. Dem ist aber nicht so. Viele der Opfer waren unschuldig. Ich fühle mich oft sehr ohnmächtig bei dem Versuch, das Brasilienbild meiner Landsleute zu korrigieren.

Elizabeth Martin ist Aktivistin gegen Polizeigewalt in Brasilien. Ihr Neffe Joseph wurde 2007 von einem Polizisten in Brasilien erschossen. Daraufhin gründete Martin die Nichtregierungsorganisation „Brazil Police Watch“. In ihrer Petition »Don’t Kill for Me; Safe Games for All« fordert sie FIFA und das Olympische Komitee auf, das Thema der hohen Polizeigewalt gegenüber Brasilien zu thematisieren.